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Stark reparaturbedürftig: Wie Europa die Erneuerung der Infrastruktur gelingt

Stark reparaturbedürftig: Wie Europa die Erneuerung der Infrastruktur gelingt

Investitionen in Infrastruktur und gute Rendite – wie passt das zusammen?

Verblaßter Glanz
Europas Wirtschaft ist auf dem Weg der Besserung. Von Europas Infrastruktur kann man das leider nicht sagen. Es knirscht im Gebälk, ganz gewaltig, sie ist marode. „Alt und stark beansprucht“ lautet das Urteil einer Bewertung der European Innovation Partnership on Smart Cities and Communities (EIPSCC). Doch: Den Regierungen fehlt das Geld für die dringend nötigen Investitionen.   

Europa ist reich an historischen Bauten. Das schließt wichtige Teile der Infrastruktur ein: Brücken, Straßen, Eisenbahnen, Dämme, Häfen, Flughäfen. Sie wurden gebaut für eine durchschnittliche Nutzungsdauer von 35 Jahren (Niederlande) bis zu 100 Jahren (Deutschland und Österreich). Die Lebenserwartung wurde aber für die Belastung jener Tage berechnet, in denen sie entstanden, und nicht für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts.

Seitdem ein großer Teil von Europas heutiger Infrastruktur gebaut wurde, gab es immense Fortschritte bei Bautechnik, Konstruktionsmethoden und Materialien, die Infrastrukturbauten von heute sicherer machen, effizienter, nachhaltiger. Sie halten Stürmen besser stand, tragen höhere Lasten, nutzen Energie wirtschaftlicher und verursachen weniger Umweltverschmutzung; Sensoren und Kameras erleichtern die vernetzte Steuerung und Wartung.

Stromausfälle, einstürzende Brücken und explodierende Gaspipelines sind deutliche Zeichen einer überalterten Infrastruktur. Wieviel Geld ist nötig, um sie wieder auf Vordermann zu bringen? Und wo sollen wir damit anfangen?

Veralterte Infrastruktur auch in den USA
Die OECD, das Weltwirtschaftsforum WEF, McKinsey, Standard and Poors – sie sind sich alle einig: Von jetzt bis 2030 brauchen wir Investitionen in Infrastruktur in Höhe von 3,7 Billionen US-Dollar jährlich, gleichmäßig aufgeteilt auf Europa, die USA und China.

Zunächst sollte in den Erhalt und die Wartung der bestehenden Infrastruktur investiert werden. Viel Wasser geht verloren, weil Rohre undicht sind. Bis zu 50% des Stroms bleibt buchstäblich auf der Strecke, weil er durch veraltete Leitungen fließt. Einfache Reparaturen und bessere Wartung können hier schon viel bewirken, zu einem Bruchteil der Kosten für neue Bauten, die aufgrund der nötigen Effizienz- und Nachhaltigkeitssteigerung sowie des Kapazitätsausbaus nicht vermieden werden können

Wie sieht der Investitionsbedarf nach Sektoren aus?                                                              

Wasser, eine schwindende Ressource: 11,7 Billionen US-Dollar 
Die Wasserversorgung hat für eine Volkswirtschaft eine herausragende Bedeutung. Obwohl Europa, insbesondere Westeuropa, eines der besten Versorgungssysteme der Welt hat, ist das Netz fragmentiert. Die EU setzt sich deshalb für einen einheitlichen Versorgungsstandard in ganz Europa ein.

Die Urbanisierung und der Klimawandel erfordern einen anderen Umgang mit Wasser. Steigende Temperaturen und geringere Niederschläge führen in ehemals wasserreichen Gebieten zu Wassermangel und Dürren. Vielerorts ist das Wasser zunehmend durch Pharmazeutika und Pestizide belastet.

Gleichzeitig wächst die Weltbevölkerung an. Selbst im alternden Europa steigt die Bevölkerung jährlich um eine Million Einwohner. Jeder einzelne verbraucht immer mehr Wasser und produziert damit auch immer mehr Abwasser. Auf Städte kommt die Aufgabe zu, für immer mehr Bewohner Trinkwasser bereitzustellen und Abwasser umweltfreundlich zu klären. Nach Ansicht der OECD sollte die Wasserversorgung für Europa oberste Priorität haben.

Straßen: 16,6 Billionen US-Dollar / Eisenbahnen: 4,5 Billionen US-Dollar
Verkehrswege und Produktivität einer Volkswirtschaft sind aufs Engste verbunden. Das Verkehrsaufkommen ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts explosionsartig gestiegen. Das Wachstum wird sich bis 2050 weiter fortsetzen. Nicht nur mit zahlenmäßigem Wachstum müssen die Verkehrswege fertigwerden, auch mit immer mehr Gewicht. Lastwagen sind schwerer geworden: Im Schnitt wiegt jeder Laster mehrere Tonnen mehr als vor 20 Jahren und fährt die doppelte Strecke. 34 Millionen Lastwagen und 240 Millionen Personenwagen sind jedes Jahr auf Europas Straßen unterwegs.

Die Zahl der Straßenverkehrsopfer hängt eng mit dem allgemeinen Zustand der Straßen zusammen. Schlechte Straßen sind gefährlicher und beanspruchen die Fahrzeuge stärker. Straßen sind die am stärksten genutzten Verkehrswege weltweit: besonders in Städten sind die Straßennetze chronisch überlastet.

Die Verstädterung wird auch in Europa zunehmen, der Raum wird knapper, die Straßen noch voller. Öffentlicher Verkehr wird an Bedeutung weiter gewinnen. Das 215.000 Kilometer lange Eisenbahnnetz Europas ist aber schon jetzt an der Kapazitätsgrenze. Auch der öffentliche Verkehr bedarf also des Ausbaus.

Instabiles Stromnetz: 12,2 Billionen US-Dollar
Die Belastung unserer Stromnetze wird immer größer. Atomkraftwerke werden vom Netz genommen, eine Vielzahl erneuerbarer Energiequellen wird an das alte Stromnetz angeschlossen, das eigentlich nicht für eine dezentrale Stromerzeugung ausgelegt ist. Urbanisierung und Digitalisierung lassen die Nachfrage nach Elektrizität insbesondere in Städten steigen. Cyberattacks und Klimaveränderungen mit den damit vebundenen Naturkatastrophenschäden sind auch für Stromnetze zu einem Risiko geworden. Die Folge: die Gefahr von Blackouts nimmt zu. Einige Länder simulieren bereits länderübergreifende langwierige Stromausfälle und arbeiten an Notfallplänen zum Schutz von Gesundheit, Sicherheit und Produktivität.

Eine stabilere Stromversorgung erreicht man auf zwei Wegen: über dezentrale Stromerzeugung und Smart Grids. Dezentrale Stromerzeugung heißt, dass private Haushalte selbst einen Teil ihres Stroms produzieren oder eine Vielzahl kleiner Quellen, wie z.B. Windräder und Brennstoffzellen, den Strom erzeugen, statt großer, zentraler Kraftwerke. Smart Grids sind die öffentlichen Stromnetze, die nötig sind, um die dezentrale Stromerzeugung zu steuern und die Stromversorgung zu koordinieren.

Telekommunikation und Smart Cities: 9,5 Billionen US-Dollar
Durch die fortschreitende Urbanisierung steigt der Bedarf an Energie, an Trinkwasser, der Verkehr nimmt zu, mehr Abfall und mehr Abwasser muss entsorgt werden. Nach Berechnungen der UN werden 2050 66% der Menschen in Städten leben, verglichen mit 54% heute. Die Städte müssen sich dafür rüsten, immer mehr Menschen nachhaltig zu versorgen.

Stadtplaner sprechen deshalb von Smart Cities als den Städten der Zukunft, in denen die gesamte Infrastruktur von einem Kontrollzentrum aus überwacht wird. Sensoren und Kameras füttern die entsprechende IT mit Daten, um alle Teile der Infrastruktur, von Energieversorgung über Verkehr bis zu Rettungseinsätzen, zu koordinieren und zu steuern.Flughäfen: 2 Billionen US-Dollar

China überrundet gerade die USA als größte Volkswirtschaft der Welt. Das liegt nicht nur an der größeren Bevölkerungszahl. China ist auch die Nummer 1, wenn es um Investitionen in die Infrastruktur geht. Gute Infrastruktur ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für Produktivitätssteigerungen.

Unterstrichen wird das durch das Ranking der besten internationalen Flughäfen: 5 davon liegen in Asien, nur 4 in Europa. Das Airport Council International (ACI) befürchtet, dass Europa bis 2030 in dem Ranking gar nicht mehr auftaucht, weil die Investitionen in Europa nicht mit denen in Asien mithalten. Als Folge wird sich der internationale Flugverkehr immer weiter nach Asien verlagern.

Häfen: 0,7 Billionen US-Dollar
Die OECD betont, dass Häfen weiterhin für Logistik und Industrie eine Schlüsselrolle spielen. Renovierungen und Ausbau sind nötig, damit Häfen dieser Rolle auch in Zukunft gerecht werden.

Der Weg nach vorne: Öffentliche Hand und private Investoren arbeiten zusammen
Straßen, Eisenbahnen, Brücken, Flughäfen, Seehäfen, Energie- und Wasserversorgung, Kommunikation – zu tun gibt es genug. Die öffentliche Hand wird in Europa aber weiterhin sparen müssen. Gemessen am Bedarf, kann die öffentliche Hand nur einen Bruchteil finanzieren. 75% der nötigen Infrastrukturinvestitionen müssen privat finanziert werden. Das Instrument dazu sind Public-Private Partnerships (PPPs, öffentlich-private Partnerschaften). Lesen Sie hier mehr zum Thema PPPs.

Jedes Infrastrukturprojekt sollte einer langfristigen Strategie folgen und in einer regionalen oder nationalen Planung eingebunden sein, ganz gleich ob es um Reparaturen geht, Erneuerung oder Neubau. Beim Straßenbau müssen z.B. die Prognosen über die Verkehrsentwicklung der nächsten 20 Jahre einfließen, beim bestehenden Straßennetz müssen Kosten für Reparaturen mit denen für eine komplette Erneuerung verglichen werden. Wie wirkt sich die Förderung des öffentlichen Verkehrs auf die Haltbarkeit der Strassen aus? Müssen Innenstädte für den privaten Verkehr ganz gesperrt werden oder gegen Gebühr zugänglich bleiben? Wie spielen der Verkehr auf der Straße, auf der Schiene und in der Luft zusammen? Wie wird der Fernverkehr mit dem innerstädtischen koordiniert? Das sind Fragen, die im Rahmen einer umfassenden Infrastrukturplanung beantwortet werden müssen.  

In jeder PPP wird den privaten Partnern nicht der Spielraum und die Gewinnmargen gelassen, die sie aus der Privatwirtschaft gewohnt sind. Regulatorische Änderungen können jederzeit auch die Rahmenbedingungen eines Projekts verändern. Erhebliche finanzielle Risiken können die Folge sein. Risikoabsicherung ist überlebenswichtig. Versicherungen schützen vor den finanziellen Folgen des Eigenschadens  sowie den Rechtsansprüchen von Dritten und sichern damit die Investition ab, angefangen von der Konstruktionsphase über den Bau bis zum Betrieb.

Zwei Jahrzehnte des Booms vor uns
In den nächsten zwei Jahrzehnten stehen große Infrastrukturmaßnahmen an, nicht nur in Europa, sondern weltweit. Lateinamerika hat erkannt, dass es ohne Investitionen in die Infrastruktur kein Wachstum gibt. Asien kann das Wachstumstempo nur halten, wenn die Infrastruktur weiter ausgebaut wird, und auch in den USA steht nach einer langen Phase der Untätigkeit die Infrastruktur des Landes wieder oben auf der politischen Agenda.

Wie Europa mit den Herausforderungen der Infrastruktur umgeht, ist noch nicht klar. Aber es stehen bis 2030 Investitionen in Höhe von 1,2 Billionen US-Dollar pro Jahr an. Wenn es Europa richtig macht, dann wird es dadurch sicherer und produktiver und kann so ihr BIP um das Dreifache der Investitionssumme steigern. Dafür müssen langfristige Strategien und Pläne her. Und die Bereitschaft seitens der Politik, eng mit der Privatwirtschaft zusammenzuarbeiten. Dann hat Europa eine echte Chance, der historische Aufgabe gerecht zu werden, sich eine Infrastruktur für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts zu schaffen.

Jürgen Cherreck ist International Head of General Property Underwriting bei der XL Group.

 

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