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Ist es an der Zeit, Risiken für kritische Infrastruktur-Bauten in Österreich neu zu definieren?

Ist es an der Zeit, Risiken für kritische Infrastruktur-Bauten in Österreich neu zu definieren?

XL Group zu den EU STREST-Zielen

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Herr Rossa, haben Sie schon mal eine Katastrophe in Österreich hautnah miterlebt?
Allergings. Ich habe die verheerenden Überschwemmungen von 2005 miterlebt. Keiner, der das erlebt hat, wird das jemals vergessen. Es gab 226 Erdrutsche in den österreichischen Alpen. Fünf Menschen starben, der Schaden belief sich auf 700 Millionen US-Dollar allein in Österreich. Die Alpenlandschaft ist seitdem eine andere. Unsere Simulationsmodelle für Jahrhundertfluten – also Überschwemmungen, wie sie alle 100 Jahre einmal auftreten, und für Erdrutsche, die den Zeitraum von 150 Jahren betrachten – haben versagt. Sie konnten die Katastrophe von 2005 nicht voraussagen.

Einige Leute haben die Erderwärmung für die Überschwemmungen verantwortlich gemacht und liegen damit wahrscheinlich richtig. Der österreichische Sachstandsbericht Klimawandel 2014 bestätigt, dass die durchschnittliche Temperatur in Österreich heute 2°C höher ist als noch 1880, während die globale Erwärmung im selben Zeitraum nur 0,85°C beträgt. Allein seit 1980 stieg die Durchschnittstemperatur in Österreich um 1°C. Unsere Ozeane entschleunigen die Erderwärmung. Die geographische Lage Österreichs im Landesinneren führt jedoch zu einem überdurchschnittlichen Anstieg. Durch die Erwärmung schmilzt der Schnee, dunkle Erde kommt zum Vorschein, die, wie dunkle Oberflächen, Wärme absorbiert und die Erwärmung weiter beschleunigt. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, könnten die Temperaturen in Österreich bis zum Ende dieses Jahrhunderts um weitere 3,5°C ansteigen.

Müssen wir in Österreich mit weiteren Überflutungen rechnen?
Ich fürchte ja. Die Erwärmung und bestehende meteorologische Gegebenheiten führen zu extremem Wetter wie Hitzewellen, Stürmen und Überschwemmungen. Österreich muss lernen, mit den Folgen der Erwärmung umzugehen. Wir müssen die Standards, nach denen wir in Österreich Risiken bewerten, überdenken. Die Intervalle, in denen wir Risiken analysieren, müssen kürzer werden, weil sich die Risiken selbst schneller ändern.

Praktisch die ganze Donauregion ging 2005 in den Fluten unter. Auch letztes Jahr war das Gebiet wieder stark von Überschwemmungen betroffen. Dr. Giardini und sein EU STREST-Team beschäftigen sich mit sogenannten „High impact/low probability“-Ereignissen (LP-HI). Überschwemmungen, wie die von 2005, gelten heute nicht mehr als ausgeschlossen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in der Region wieder zu Unwetterkatastrophen kommt, ist gestiegen.

Ab wann spricht man bei einer Katastrophe von LP-HI?
Ein LP-HI-Ereignis wäre es zum Beispiel, wenn in Vorarlberg die Dämme entlang des Rheins brechen würden, weil es zuvor ungewöhnlich stark und lange geregnet hat. Der traditionell  gute Hochwasserschutz in Vorarlberg hat dazu geführt, dass sich dort viele Unternehmen angesiedelt haben, aus ganz unterschiedlichen Branchen wie Möbel, Beleuchtung, Textilien oder Nahrungsmittel, die jährlich einen Umsatz von 20 Milliarden US-Dollar machen. Vorarlberg ist damit die drittwichtigste Wirtschaftsregion des Landes; mit 70% Exportquote sogar die Nummer 2 bei den Ausfuhren. Zudem liegen mehrere touristische Zentren in Vorarlberg.

Würden Sie Vorarlberg eine CI-Region nennen, im Sinne der Definition von Dr. Giardini?
Wir definieren CI-Risiken (CI: Critical Infrastructure) nach Wahrscheinlichkeit und möglichen Auswirkungen. Ein Dammbruch könnte unser BIP um rund 20 Milliarden US-Dollar verringern. Die Wertschöpfungsketten internationaler Unternehmen, die dort ansässig sind, würden unterbrochen. Eine größere Katastrophe in Vorarlberg hätte auch Auswirkungen auf Liechtenstein und die Schweiz. Ich würde sagen, dass es aufgrund der wirtschaftlichen Bedeutung von Vorarlberg gerechtfertigt ist, von einer CI-Region zu sprechen.

Wie kann Österreich seine kritischen Infrastrukturen (CI) und Wirtschaftszentren schützen?
2005 war ein entscheidendes Jahr, nicht nur für Österreich, sondern für das ganze Alpenrheintal. Seitdem wurde von vielen Seiten darauf aufmerksam gemacht, dass die Sicherheitsstandards und Schutzmaßnahmen nicht ausreichen. Als der Rheindamm 1927 brach, war es eine Katastrophe, die vielen Menschen das Leben kostete und immensen Sachschaden anrichtete. Wenn wir die Sicherheitsstandards nicht erhöhen, kann so etwas wieder passieren.

Die sogenannten Jahrhundertflutstandards reichen nicht mehr aus. Die Überschwemmungen von 1910, 1927, 1999 und 2005 lagen alle über diesen Werten, und Häufigkeit und Ausmaß nehmen tendenziell zu. Wir müssen nach 300-Jahr-Standards bauen, also so, dass Fluten, wie sie nur alle 300 Jahre auftreten, überstanden werden können. Das Wetter ist schwer vorauszusagen, aber die Erwärmung setzt sich unvermindert fort, so dass eine 300-Jahr-Flut schon für die nächsten Jahre nicht ausgeschlossen werden kann. Wenn es uns unvorbereitet trifft, würde die ganze Rheintalregion buchstäblich untergehen; es würde wahrscheinlich Menschenleben kosten und schwere langfristige Schäden verursachen.

Können Risikoexperten der Versicherungsbranche Regierungen helfen, Katastrophen besser vorzubeugen?
Ja, das können sie. Wir arbeiten bereits mit Gesetzgebern, Verwaltung und dem Versicherungsverband Österreich (VVO) zusammen. Es geht dabei um mehr, als nur darum, im Schadensfall Ausgleichszahlungen leisten zu können. Die Wirtschaft ist darauf angewiesen, dass es starke und verlässliche Sicherheitsmaßnahmen gibt, wie besseren Überschwemmungsschutz.

Wir verfügen über detaillierte, historische Daten, auf die wir zur Risikoanalyse von Katastrophen zugreifen können. Das ist besonders für Regionen relevant, in denen es eine große Dichte von Unternehmen gibt, die auf eine funktionierende Infrastruktur angewiesen sind, und wo ein Ausfall der Infrastruktur weitreichende und schwerwiegende Konsequenzen hätte, weit über das Katastrophengebiet hinaus.

In Österreich gibt es eine Debatte darüber, ob der Schutz vor Naturkatastrophen für private Haushalte eine Pflichtversicherung werden soll. Bis jetzt hat immer die öffentliche Hand den größten Teil der Entschädigungen, Hilfen und Reparaturen finanziert, aber die öffentlichen Finanzen stoßen an ihre Grenzen. Katastrophen in anderen europäischen Ländern haben gezeigt, dass Regierungen ohne Versicherungsschutz überfordert sind, wenn es darum geht, für die Schäden aufzukommen. Denn sie können unvorhersehbare und unkalkulierbare Katastrophenfälle nicht angemessen in ihrer Budget- und Haushaltsplanung berücksichtigen.

Zahlreiche europäische Länder, darunter UK, Spanien, Norwegen, Schweden, Belgien und die Schweiz, haben Versicherungsmodelle für Katastrophenfälle entwickelt, um Schäden abzumildern und zu gewährleisten, dass kritische Infrastrukturen schnell wiederhergestellt werden können. Die VVO hat den österreichischen Bundesbehörden bereits Vorschläge für ein kostengünstiges Versicherungsmodell gemacht, das Schäden durch Überschwemmungen, Erdrutsche, Stürme und Erdbeben abdeckt. Die Tatsache, dass Wetterextreme, wie sie sonst alle 100 Jahre auftraten, in unterschiedlichen Ausprägungen fast jährlich vorkommen, sollte zum Anlass genommen werden, diesen Versicherungsschutz zu nutzen; der Gesetzgeber sollte zudem strengere Auflagen zur Schadensvermeidung machen.

Wie können Risikoingenieure und Underwriter dazu beitragen, dass Unternehmen besser abschätzen können, welchen Risiken sie durch Katastrophen ausgesetzt sind?
Wir arbeiten bereits mit Kunden auf der ganzen Welt zusammen, um Lösungen zu finden, wie sie ihr Geschäft vor immer häufigeren und immer extremeren Naturkatastrophen schützen können. Im Vordergrund stehen dabei die Sicherheit und unterbrechungsfreie Betriebsabläufe. Underwriter und Risikoingenieure arbeiten gemeinsam mit Risikomanagern daran, Risiken zu minimieren, Schäden zu vermeiden und die Gefährdung von Menschenleben zu verhindern; mit Hilfe wissenschaftlicher Gefahrenmodelle analysieren sie die standortspezifischen Risiken, geographische Einflussfaktoren (wie Dämme oder Flüsse) und die Risiken, die von nahegelegenen Anlagen ausgehen. Erst wenn alle Maßnahmen, die präventiv ergriffen werden können, definiert sind, entwickeln wir den maßgeschneiderten Versicherungsschutz für das verbleibende Risiko.

Einen weiteren wichtigen Beitrag können die Risikoexperten von Versicherungen leisten, indem sie Behörden beraten und die Öffentlichkeit informieren. Zurzeit arbeitet die VVO mit Wissenschaftlern, Umweltbehörden und anderen Spezialisten daran, die Landkarte der Überschwemmungsgefahrenzonen in Österreich auf den neusten Stand zu bringen. Die EU und die zuständigen Behörden Österreichs haben erklärt, die Bevölkerung besser über die Gefahren von Naturkatastrophen zu informieren. Österreich hat außerdem im Überschwemmungsbericht 2011 angekündigt, enger mit der Versicherungswirtschaft zusammenzuarbeiten, mit dem Ziel, die Bevölkerung über Gefahrenpotentiale aufzuklären und gefährdete Gebiete zu schützen, damit sie wirtschaftlich intakt und bewohnbar bleiben.

Die schwerwiegenden und weitverzweigten Auswirkungen von Katastrophen auf kritische Infrastrukturen verlangen nach einer integrierten, überregionalen Lösung, die Stresstests, Schutzmaßnahmen und Versicherungen umfasst. Das STREST-Projekt der EU ist darauf ausgerichtet, die Aufmerksamkeit der Behörden, der Wirtschaft und der Bevölkerung auf dieses dringende Thema zu lenken. STREST gibt Empfehlungen zu neuesten Techniken der Risikoanalyse und zu Stresstests.

Wie haben die Katastrophen von Japan und Thailand XL Group verändert?
Underwriter von XL Group und Risikoingenieure von XL GAPS arbeiten seitdem besonders intensiv mit Kunden daran, ihr globales Portfolio nach möglichen Risiken zu durchforsten und die Auswirkungen zu simulieren, die Katastrophen auf ihre Wertschöpfungsketten haben können. Hersteller von Festplatten und anderen Elektronikbauteilen aus Japan und Thailand waren lahmgelegt und haben damit Betriebsabläufe auf der ganzen Welt zum Erliegen gebracht. In beiden Fällen war es die Konzentration der Branche in einigen wenigen Regionen, die dazu geführt hat, dass die Versorgungsinfrastruktur für elementar wichtige Bauteile zusammengebrochen ist. Die tatsächlichen Verluste überstiegen die versicherten Ausfälle bei weitem. Es war eine Lektion in Sachen Verteilung der Wertschöpfung, Zulieferketten und Schadensvermeidung.

Sind sie zuversichtlich, dass sie rechtzeitig einen Notfallplan erstellt haben, bevor die nächste LP-HI-Katastrophe passiert?
Ja, absolut, aber es gibt keine Zeit zu verlieren. Bis jetzt hat man sich weltweit besonders auf erdbebengefährdete Gebiete konzentriert, wie Kalifornien und Japan. Aber durch weltweite Kettenreaktionen, ausgelöst durch lokale Ereignisse, sind wir alle näher an die Gefahrenherde herangerückt. Kritische Infrastrukturen sind je nach Region ganz unterschiedlichen Gefahren ausgesetzt, aber jede Region ist auf ihre Weise gefährdet. Ich freue mich auf die Empfehlungen von Dr. Giardini und seinem Team, wie Stresstests ausgeweitet werden können. Sie werden dazu beitragen, die richtigen Lösungen zu finden, um die Bevölkerung, Unternehmen und Volkswirtschaften in Europa und weltweit vor Katastrophen zu schützen

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