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Klimawandel und Erderwärmung: Wie bedroht ist der Alpenraum?

Neue, integrierte Risikomodelle können helfen, die Wirtschaft in den Alpen zu erhalten

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Was ist Permafrost?

Wenn Boden oder Gestein mehr als zwei Jahre durchgängig gefroren ist, spricht man von Permafrost. Tatsächlich existieren die meisten Permafrostböden aber schon seit Jahrtausenden. Ein Viertel der Erdoberfläche ist dauerhaft gefroren: die Arktis, die Antarktis und hochgelegene Bergregionen.

 

Die Erderwärmung führt dazu, dass Permafrostregionen auftauen. Organisches Material zersetzt sich, dabei entstehen Treibhausgase. Große Mengen CO2 gelangen in die Atmosphäre und beschleunigen die Erwärmung – ein Teufelskreis.

 

Was passiert, wenn Permafrostböden auftauen?

Im Hochgebrige hält der Permafrost förmlich die Berge zusammen: Erdmassen, Geröll und Gestein bilden mit dem Eis eine massive Einheit. Wenn der Permafrost zurückgeht, löst sich sozusagen der Klebstoff, der alles zusammenhält. Lawinen und Erdrutsche sind die Folge.

 

Der Weltklimarat berichtet über eine Zunahme von schweren Erdrutschen in den letzten 20 Jahren. Die Frostgrenze wandert kontinuierlich nach oben und löst damit Erdrutsche aus, das schmelzende Eis verursacht Überschwemmungen.

 

Wie stark sind die Alpen betroffen?

Der Permafrost wird in den nächsten 50 Jahren in vielen Alpenregionen verschwunden sein. Sechs Prozent aller Alpendörfer stehen auf Permafrostböden, von denen rund die Hälfte auftaut. Bahngleise, Skilifte, Gondeln: Alles ist im Permafrostboden verankert. Schmilzt das Eis, dann lösen sich die Fundamente, Gebäude geben nach. Straßen, Brücken, Tunnel, Stützmauern sind durch Schlammlawinen und Erdrutsche gefährdet. Öl-, Gas- und Wasserleitungen können zu Bruch gehen, Stromleitungen unterbrochen werden.

 

In den Alpen gibt es einige der größten Dämme Europas. Auftauende Permafrostböden können zu gewaltigen Landrutschen führen und damit Flutwellen auslösen. Wenn auch weniger dramatisch, verursachen überlaufende Stauseen Erosion, was wiederum Schlammlawinen zur Folge haben kann.

 

Die Hitzewelle im Jahr 2003 in Europa sorgte auch in den Alpen für den heißesten Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen. Der Effekt: Die Schmelze drang zwei Meter tiefer in den Permafrostboden ein, bis auf das Grundgestein. Erdrutsche waren die Folge, fünf allein in der Schweiz, vier davon in touristischen Gebieten. Jedes Mal lösten sich rund eine Million Kubikmeter Geröll. Am Matterhorn mussten 90 Menschen evakuiert werden.

 

Worst Case-Szenario

Das Berner Dorf Guttannen ist immer wieder in den Nachrichten, seit es 2005 von einer 500.000 Kubikmeter großen Gerölllawine heimgesucht wurde, verursacht durch auftauenden Permafrostboden. 2009 kam es erneut zu einem Erdrutsch, ausgelöst durch schwere Regenfälle, die den auftauenden Boden weiter aufgeweicht hatten. Durch die abgehenden Geröllmassen stieg der Pegel des Flusses Aare, so dass Häuser in Ufernähe abgerissen werden mussten. In Mitleidenschaft gezogen wurde auch die internationale Gaspipeline von Italien nach Zentraleuropa, die 2009 und 2010 für Reparaturen außer Betrieb genommen wurde. Grund für die Beschädigungen waren Erdrutsche.

 

Es scheint eine Frage der Zeit, bis Guttannen durch herabstürzendes Geröll und Schlammlawinen unbewohnbar wird. Der einzig sichere Ausweg wäre, wenn das ganze Dorf umzöge.

 

Die wirtschaftlichen Auswirkungen

Durch Tourismus werden in den Alpen jedes Jahr rund 65 Milliarden Schweizer Franken umgesetzt. 10-12% der Bevölkerung arbeiten im Tourismus. Der Wintertourismus hat in einigen Regionen schon gelitten. Lifte mussten geschlossen werden, weil sich die Schneegrenze verschoben hat und eine künstliche Beschneiung dauerhaft nicht wirtschaftlich war.

 

Die EU hat 10.000 Wintersportorte in den Alpen untersucht und festgestellt, dass 9% in Kürze in Klimazonen liegen werden, in denen der Betrieb nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Wenn die Temperatur um nur 1 Grad Celsius weiter steigt, können nur noch 500 Anlagen mit ausreichend natürlichem Schneefall rechnen. Steigt die Temperatur um 4 Grad Celsius, würden nur noch 200 Skiorte über genügend Naturschnee verfügen.

 

Hinzu kommen die Gefahren durch Erdrutsche, Überflutungen und unsichere Fundamente, verursacht durch auftauenden Permafrostboden. Guttannen ist hier ein abschreckendes Beispiel. Wenn die Gefahr zu groß wird und Menschenleben bedroht sind, bleibt letztendlich nichts anderes übrig, als ganze Regionen für den Tourismus zu sperren, von Wanderwegen bis hin zu Skiliften und Paßstrassen.

 

Permafrost-Pionier

Aber es wird auch gehandelt, um Schicksale wie das von Guttanen zu vermeiden. Pontresina in der Schweiz gilt zu Recht als „Permafrost-Pionier“. In den Bergen oberhalb von Pontresina begann 2001 eine 20 Meter dicke Schicht Permafrostboden aufzutauen. 2003 war bereits ein Netzwerk von Dämmen errichtet, die bis zu 100.000 Kubikmeter Schlamm oder 240.000 Kubikmeter Geröll standhalten können. So werden Bewohner, lokale Wirtschaft und Tourismus geschützt. Allerdings hat das seinen Preis: Es wurden rund 2 Milliarden Schweizer Franken investiert.

 

Nicht verzweifeln, anpassen!

Wie ist es um die Zukunft des Tourismus in den Alpen bestellt? Das hängt davon ab, wie auf die Bedrohung reagiert wird.

 

Das EU-Projekt AdaptAlp hat Risikoanalysen und Empfehlungen erarbeitet, die Gemeinden in den Alpen helfen sollen, sich anzupassen und ihre Zukunft zu sichern. Das Projekt hat gezeigt, dass es nicht eine Lösung gibt, sondern jede Gemeinde und jedes Dorf ein maßgeschneidertes integriertes Risikomodell braucht, das die lokalen Wetterbedingungen, die geologischen Eigenschaften vor Ort und die örtlichen wirtschaftliche Faktoren berücksichtigt.

 

Jetzt handeln

Die Gefahren müssen lokal und regional analysiert und in die Entwicklungspläne integriert werden. In der Schweiz gibt es Gefahrenkarten, die Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Ereignisse über einen Zeitraum von 300 Jahren erfassen, ursprünglich waren es 100 Jahre. Da sich die Auswirkungen des Klimawandels aber ändern und nicht einfach hochgerechnet werden können, empfiehlt die EU eine laufende Überwachung der Veränderungen und Risikoanalysen im Abstand von 5 bis 15 Jahren.

 

Bei Präventivmaßnahmen zu Schneelawinen gab in den letzten 50 Jahren große Fortschritte. Die Erfahrung zeigt, dass diese Maßnahmen ihr Geld wert sind. Schutzzäune, der Einsatz von Mobilfunk und GPS und bessere Notfallversorgung haben viele Leben gerettet und Lawinen ihre zerstörerische Kraft genommen, bevor sie Schaden anrichten konnten. Andere Maßnahmen wie die Dämme in Pontresina oder Aufforstungen in Österreich sind bis jetzt eine Ausnahme geblieben, sollten aber flächendeckend im ganzen Alpenraum als Vorbild dienen.

 

Dazu forciert die EU den Informationsaustausch über Grenzen hinweg, damit neue Verfahren möglichst schnell Schule machen und es beim Klima- und Landschaftsschutz Fortschritte gibt.

 

Die einmalige Alpenlandschaft erhalten

Viel wird davon abhängen, wie gut und regelmäßig die Risiken analysiert werden und wie offen der Dialog darüber geführt wird. Wirtschaft und Öffentlichkeit müssen die Folgen des Klimawandels verstehen, damit Frühwarnsysteme funktionieren und im Notfall richtig gehandelt wird.

 

Risikoexperten aus der Versicherungsbranche stehen bereit, um ihre Erfahrung im Risikomanagement einzubringen. Risikoingenieure können ihre Expertise nutzen und Risikomodelle und Maßnahmen zur Risikoprävention auch auf den Alpenraum anwenden, inklusive der Entwicklung von Notfall- und Wiederaufbauplänen. Sie können beraten, wenn es darum geht, Gebäude in gefährdeten Gebieten zu errichten und Unternehmen helfen, bei der Geschäftsentwicklung alle Standortfaktoren richtig zu bewerten. Zudem können Versicherer dazu beitragen, Risiken abzuschwächen und durch den richtigen Versicherungsschutz zu minimieren, z.B. mit Versicherungen gegen Schäden an Gebäuden und Lagerbestand, Fahrzeugversicherungen und Umweltversicherungen gegen Schäden durch Erdrutsche, Schlammlawinen und Überflutungen.

 

Der Wandel ist nicht aufzuhalten. Auftauende Permafrostböden, Gletscherschmelze und die allgemeine Klimaerwärmung haben weitreichende Konsequenzen für den Alpenraum. Wird in meiner Region bald der Schnee wegbleiben? Dann ist es an der Zeit, den Tourismus neu auszurichten. Ist durch das Auftauen des Bodens die Sicherheit von Wohnhäusern bedroht? Verdichtete Bebauung kann die Sicherheit erhöhen und die Kosten für Präventivmaßnahmen senken. Unternehmen und Gewerbetreibende, die frühzeitig und proaktiv handeln, tragen dazu bei, die einmalige Alpenlandschaft als Wirtschaftsraum, Wohnort und Urlaubsziel für alle zu erhalten.


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