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Die Gesamtkosten von Frachtdiebstählen

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„Wegelagerer“ gehen ihrem Geschäft in ganz Europa bereits seit Jahrhunderten nach. Im Englischen taucht das Wort „Highwaymen“ (Wegelagerer) erstmals im Jahr 1617 in gedruckter Form auf. Für heutige Wegelagerer ist Lkw-Fracht als Ziel besonders attraktiv.

Einer der Gründe hierfür sind die vielen potenziellen Ziele. Die europäischen Autobahnen sind voll von Lkw, die unterschiedlichste Waren zwischen Großstädten, Produktionsstätten und Häfen befördern –und dies über offene Grenzen.

Zudem kennen sich kriminelle Gruppen heutzutage ausgezeichnet mit dem Warenverkehr in ganz Europa aus und suchen sich für ihre kriminellen Vorhaben spezifische Ziele aus. Hochwertige, leicht weiterverkäufliche Produkte wie Pharmazeutika, Alkohol, elektronische Waren, Kleidung und Babynahrung gehören dabei zu den besonders begehrten Kategorien.

Häufig folgen sie ihrem Opfer einfach und warten die beste Gelegenheit ab, um die Fracht zu stehlen. Sehr oft bietet sich diese Gelegenheit, wenn der Fahrer die Autobahn verlässt, um Rast zu machen. Bei einem typischen Überfall stehlen sie den Lkw, verladen die Waren so schnell wie möglich in ein anderes Fahrzeug und fahren dann meistens in ein anderes Land weiter. Auch wenn der Fahrer bei dem Überfall festgehalten wird, erfolgt die spätere Freilassung in den meisten Fällen unversehrt. Zumindest in Europa wird bei dieser Art von Diebstahl selten Gewalt angewendet.

Heute ist es einfacher als je zuvor, gestohlene Waren zu verkaufen. Viele Waren werden in kleinen Mengen und mit nur geringem Preisnachlass über Internet-Plattformen angeboten, wodurch keine unerwünschte Aufmerksamkeit erregt wird. Oder es werden Geschäfte mit skrupellosen Großhändlern gemacht, die Produkte auch ohne ordnungsgemäße Dokumentation kaufen.

Die Verfügbarkeit von Online-Märkten machen das Geschäft besonders verlockend. Durch Hehlerei im Internet können die Diebe mit dem Verkauf der Waren etwa 70-80 Prozent des Einzelhandelspreises erzielen. Hier locken also erheblich höhere Einnahmen als in der Zeit vor dem Internet, in der eher 25-35 Prozent die Regel waren. So kann bei einer „durchschnittlichen“ Ladung mit einem Nettogewinn von rund 70.000 EUR bis 150.000 EUR gerechnet werden, während er bei hochwertiger Fracht noch deutlich darüber liegen kann. Auch wenn dies kein enormer Gewinn ist, reichen die Beträge aus, um viele kriminelle Banden in Versuchung zu bringen. Gleichzeitig sind sie jedoch nicht hoch genug, um die meisten Strafverfolgungsbehörden dazu zu bringen, viele Ressourcen in die Wiederbeschaffung der Waren zu investieren.

Hinzu kommt, dass Fracht-Diebe in dem unwahrscheinlichen Fall ihrer Gefangennahme angesichts des relativ geringen Ausmaßes des Diebstahls und der Tatsache, dass diese Straftaten in der Regel ohne Gewaltanwendung begangen werden, mit einer Gefängnisstrafe von höchstens einem bis zwei Jahren rechnen müssen.

Die indirekten Kosten sind erheblich

Nach Angaben von FreightWatch International belief sich der Wert der auf dem Transportweg gestohlenen Waren in Europa im Jahr 2013 auf insgesamt 11,6 Milliarden EUR. Bemerkenswerterweise ist dieser Betrag um 41 Prozent höher als im Jahr 2007, obwohl die Frachtmengen aufgrund des wirtschaftlichen Abschwungs und Europas langsamer Erholung um 20 Prozent niedriger waren. Diebstahl hat aber auch die Tendenz, in einer umgekehrten Korrelation zur allgemeinen wirtschaftlichen Situation zu stehen – also zuzunehmen, wenn die Wirtschaft nachlässt, und umgekehrt.

Diese Studie schätzt den durchschnittlichen Wert von Frachtdiebstählen in Europa auf 91.000 EUR. Und diese Zahlen berücksichtigen ausschließlich die gemeldeten Diebstähle. Bekanntermaßen entscheidet sich jedoch ein Teil der geschädigten Unternehmen gegen eine Schadenmeldung, um eine Schädigung ihres Rufs bzw. des Ansehens ihrer Marke zu vermeiden. Zudem beinhalten die genannten Kosten nur den direkten Handelswert der Waren. In anderen Studien wurde festgestellt, dass die nicht erstattungsfähigen indirekten Kosten, die sich aus Frachtdiebstahl ergeben, vier bis sechs Mal so hoch sind wie die direkten Kosten.

So sind pharmazeutische Produkte zum Beispiel wegen ihrer geringen Größe und ihres hohen Wertes besonders verlockend für Diebe. Frachtdiebstahl wurde sogar als das größte Sicherheitsrisiko für europäische pharmazeutische Unternehmen benannt. Eine durch das Center for Pharmacoeconomic Studies der Universität von Texas durchgeführte Recherche der Gesamtkosten, die Herstellern von pharmazeutischen Produkten durch Ladungsdiebstahl entstehen, berücksichtigte verschiedene indirekte Kosten. Zu diesen gehören:

  • Produktprüfung, -entsorgung und -rückruf. Falls die Waren wiedergefunden werden, müssen sie entweder vollständig entsorgt oder mit der Maßgabe geprüft werden, alle beschädigten Produkte zu vernichten. Falls die Waren nicht wiedergefunden werden, kann sich der Hersteller gezwungen sehen, den übrigen Bestand aus dem gleichen Produktionslauf zurückzurufen. Produktprüfung und -entsorgung sind zwar kostspielig, aber Rückrufaktionen können sich schnell auf Millionenbeträge belaufen. Dieselben Bedingungen gelten auch für viele Lebensmittelprodukte, einem weiteren verlockenden Ziel für Ladungsdiebe.
  • Produktion und Transport von Ersatzprodukten. Dies kann insbesondere dann kostspielig sein, wenn das Produkt nicht aus dem vorhandenen Bestand ersetzt werden kann und ein neuer Produktionslauf geplant werden muss. In diesem Fall könnte der Produktionsplan des Unternehmens gestört werden und es könnten zusätzliche Kosten im Zusammenhang mit Überstunden des Personals entstehen.
  • Ermittlungen zum Vorfall und Optimierung der Sicherheit. Durch diese Vorfälle werden oft Lücken im Sicherheitssystem eines Unternehmens aufgedeckt, die erkannt und ausgebessert werden müssen.
  • Verkaufsausfall/Kundenbeziehungen. Jedes Mal, wenn ein Unternehmen eine geplante Lieferung nicht zustellen kann, besteht die Gefahr, dass der Kunde, ein Groß- oder Einzelhändler, zu einem Wettbewerber wechselt.
  • Kommunikation/Öffentlichkeitsarbeit. Wenn pharmazeutische Produkte gestohlen werden, müssen Gesundheitsbehörden benachrichtigt werden. Möglicherweise ist auch eine intensive Öffentlichkeitsarbeit notwendig, um Ärzte, Apotheker und Patienten zu warnen. Auch wenn oft die internen Support-Funktionen diese Arbeit übernehmen könnten, greifen Unternehmen häufig auf externe Fachleute zurück, um diese Tätigkeiten zu organisieren und koordinieren.

Überwachung und Schulung von Mitarbeitern, Vorausplanung zur Erschwerung eines Diebstahls

Wenn es darum geht, das Risiko eines Frachtdiebstahls zu minimieren, hat die Überwachung und Schulung von Personal Priorität. Überwachung ist dabei entscheidend, da einigen Schätzungen zufolge bis zu 80 Prozent aller Frachtdiebstähle damit anfangen, dass Insider Informationen darüber weitergeben, wann und wo wertvolle Fracht transportiert wird und um welche Art von Gütern es sich handelt.

Fahrer sollten nicht nur darin geschult werden, wie sie gefährliche Situationen erkennen und vermeiden können, sondern auch darin, wie sie reagieren sollten, wenn sie entführt werden. Das richtige Verhalten bei der Begegnung mit Verbrechern könnte den Fahrer vor Verletzungen bewahren und bei den späteren Abhilfemaßnahmen helfen.

Bei Waren mit sehr hohem Wert ist es ratsam, den Fahrer anzuweisen, nicht kurz nach dem Abholen der Ladung anzuhalten. Nach einer gewissen Zeit kann die Verfolgung für die Diebe langweilig werden, und sie geben eventuell auf. Viele Unternehmen beschränken auch Abend- und Wochenendfahrten, da dann das Risiko erhöht ist.

Es gibt einige Möglichkeiten, um es Dieben zu erschweren, an die Ware zu kommen oder den Lkw zu stehlen. Dazu zählen physische Maßnahmen wie die Verwendung von Lkw mit Festaufbau und Sperrvorrichtungen, die einen Dieb daran hindern, in die Kabine zu gelangen, oder den Motor deaktivieren.

Außerdem installieren immer mehr Unternehmen Sensoren zur Auffindung und Verfolgung, da die Kosten einer solchen Installation erheblich gesunken sind und sich auszahlen können. Bei diesem Ansatz bilden die Sensorkosten jedoch nur einen Teil der Lösung. Damit er Wirkung zeigt, muss jemand die Aufzeichnungen überwachen. Viele Unternehmen vergessen, diese Kosten einzukalkulieren.

Leider werden sich moderne Wegelagerer auch weiterhin auf europäischen Autobahnen herumtreiben und hochwertigen Ladungen auflauern. Wie ein Strafverfolgungsbeamter es zusammenfasste: „Es lohnt sich einfach zu sehr.“ Es gibt jedoch viele praktische Schritte, die Unternehmen einleiten können, um dieses Risiko zu minimieren und einzugrenzen, und erfahrene Frachtversicherer und Experten im Bereich Risk Engineering können dabei helfen, angemessene Strategien zur Bekämpfung dieser Gefahr zu entwickeln. Und bei der Abwägung verschiedener Ansätze sollten Unternehmen stets berücksichtigen, dass die durch Ladungsdiebstahl entstehenden indirekten Kosten, z.B. mögliche Schädigung des Rufs und/oder der Marke, sich auf das Mehrfache der direkten Kosten belaufen.

Quellen:

FreightWatch International: „Putting a Price Tag on Underreported Cargo Theft in Europe” (Ein Versuch der Einschätzung des wahren Ausmaßes der Ladungsdiebstähle in Europa), 2016, abrufbar unter: http://www.sensitech.com/assets/whitepapers/underreportedcargotheftweb.pdf

Pharmacoeconomic Studies der Universität von Texas: „Pharmaceutical Cargo Theft, Uncovering the True Costs” (Ladungsdiebstahl im Bereich der pharmazeutischen Produkte, die tatsächlichen Kosten aufgedeckt), 2015, abrufbar unter:

http://www.sensitech.com/assets/casestudies/sen2162pharmacostsreportoct291.pdf

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