Fast Fast Forward

Der Schwarze Schwan und das Risiko eines Blackouts

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Ist der deutsche Mittelstand für die Gefahren eines Total-Stromausfalls gewappnet?

Dem Black Swan-Bestseller-Autor Nassim Taleb zufolge steht der Schwarze Schwan für ein höchst unwahrscheinliches Ereignis mit massiven Auswirkungen, zum Beispiel für einen flächendeckenden Stromausfall, der das gesamte öffentliche Leben über Wochen und Monate lahmlegt. Ist das realistisch? Und wenn ja, wie können wir uns dagegen schützen?

 

„In die Jahre gekommen“ – das beschreibt den demographischen Wandel in vielen Ländern. Aber es trifft auch auf die Infrastruktur vieler europäischer Länder zu, einschließlich jener von Deutschland. Das behauptet zumindest ein Bericht der European Innovation Partnership on Smart Cities and Communities’ (EIP-SCC), demzufolge „besonders alte Versorgungsbetriebe, überlastete Straßen und anfällige Schienennetze eine Gefahr darstellen, verschärft durch die chronischen Haushaltsprobleme der öffentlichen Hand.“

 

Der Stolz des Landes, die Autobahn, gilt vielerorts als reparaturbedürftig. Die Brücken leiden unter der Last der Verkehrs. Deutschland schultert die Hauptlast der Eurokrise. Auch wenn die Verschuldung nur halb so hoch ist wie jene Griechenlands – mit 78% liegt sie immer noch über den als Euro-Konvergenzkriterium festgelegten 60%. Die öffentlichen Kassen werden in den nächsten zehn Jahren wohl vielerorts kaum in der Lage sein, dringend nötige Infrastrukturmaßnahmen zu finanzieren.

 

Wenn es in Deutschland irgendwas gibt, was noch dringender saniert werden müsste als die Autobahnen, dann ist es das Stromnetz. Das deutsche Stromnetz, vorwiegend Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden, ist den Anforderungen einer digitalen Gesellschaft kaum mehr gewachsen. Es wurde gebaut, um den Strom aus großen, zentralen konventionellen Kraftwerken oder Atomkraftwerken in die Fläche zu verteilen. Es gab Nachfragespitzen, zu denen die Kraftwerke hochgefahren wurden. In der digitalen Wirtschaft ist der Strombedarf kontinuierlich hoch. Die deutsche Energiewende trägt für viele Beobachter auch ihren Teil zur Instabilität bei. Denn Wind- und Sonnenenergie werden dezentral erzeugt und können nicht vom Bedarf gesteuert werden. Dazu kommen Sonnenstürme, Hacker-Angriffe und Naturkatastrophen, die die Stromnetze bedrohen. Die Unwahrscheinlichkeit eines Black Swan-Ereignisses, sprich eines landesweiten Stromausfalls über Wochen hinweg, nimmt ab, das heißt, es wird wahrscheinlicher, und macht den Behörden zunehmend Sorge.

 

Die USA, Schweiz und Großbritannien haben jeweils eine spezielle Task Force, um Schwachstellen im Stromnetz ausfindig zu machen und Notfallmaßnahmen zu entwickeln. Die USA haben den Notfall 2013 geprobt, die Schweiz plant es für November 2014: Behörden, Rettungsdienste, Krankenhäuser sitzen an einem Tisch, um Notfallpläne für einen Totalausfall zu entwickeln. Kommunikation, Wasser- und Lebensmittelversorgung, Abwassersysteme, sind lebensnotwendig und hängen alle von der Stromversorgung ab. Ohne Internetzugang sind die meisten Menschen von Informationen über einen Notfall und entsprechende Maßnahmen abgeschnitten. Mit der Task Force will man sich so gut als möglich auf den Ernstfall vorbereiten.

 

In Deutschland haben bereits 2004 Simulationen gezeigt, dass ein Blackout gravierende Folgen hat für die Bevölkerung, die Wirtschaft, für das ganze Land. Ein Regierungssprecher hat das im April 2014 noch einmal bestätigt und hinzugefügt, dass man nicht ausreichend darauf vorbereitet sei.

 

Weitere Simulationen haben mögliche Folgen gezeigt: Panik auf den Straßen, geschlossene Krankenhäuser, Epidemien, Todesfälle. Dazu der wirtschaftliche Schaden. Schon 2008 wurde der Ausfall an Wirtschaftsleistung nach einem 24-Stunden-Blackout auf 14 bis 30 Milliarden Euro geschätzt. Trotzdem sieht sich die Regierung nicht veranlasst, etwas zu unternehmen – Rekorddefizite und die sich laufend ändernde Energiepolitik schränken die Handlungsfähigkeit ein.

 

Also hat die Regierung die einzig mögliche Lösung vorgeschlagen. Bevölkerung und Unternehmen sollen sich selbst vorsorgen, Tipps dazu finden sich auf der Website des Katastrophenschutzes.

 

Was können nun Versicherungen tun, um das unternehmerische Risko, das von einem Blackout ausgeht, zu mindern? Bevor überhaupt ein Versicherungsvertrag abgeschlossen wird, schlägt bei Qualitätsversicherern die Stunde der Risiko-Ingenieure. Diese Fachleute arbeiten zusammen mit den zu versichernden Unternehmen daran, vor Ort mögliche Stromausfall-Risiken an den Tag zu bringen – so klären sie etwa, ob der Transformatoren adäquat geschützt sind und im Notfall ein rascher Austausch von defekten Teilen garantiert werden kann. In einem weiteren Schritt geht es darum, ein adäquates Risiko-Management zu installieren und im Ernstfall möglichen Schaden zu minimieren oder gar auszuschließen.

 

Schließlich bleibt aber die Frage: Welchen konkreten Schutz kann ein Versicherer anbieten, welche Versicherungsprodukte sind betroffen? Es leuchtet ein, dass ein flächendeckender Stromausfall kaum vollumfänglich versichert werden kann. Eine Elektronikversicherung wird die finanziellen Folgen von Datenverlust, defekten Kommunikationsgeräten oder den Schaden an der Büroelektronik mindern. Eine Sachversicherung beispielsweise wird aber solche Schäden nur dann decken, wenn der Stromausfall durch einen vorhergehenden Sachschaden wie z.B. eine Naturkatastrophe verursacht worden ist. Und auch dann wird der Schaden nur bis zum vertraglich vereinbarten Limit als Teil der Standard-Sachversicherung gedeckt. Wenn man die unzähligen potentiellen Ursachen und die harten finanziellen Konsequenzen in Betracht zieht, die ein Langzeit-Blackout mit sich bringen kann, kann man sagen, dass Unternehmen hierzulande gut beraten sind, Alternativen zum Status Quo zu evaluieren.

 

Tatsächlich haben mittlerweile einige Unternehmen eigene Generatoren installiert und rechnen damit, im Notfall für bis zu vier Wochen mit Notstrom versorgt zu sein – obwohl das in den seltensten Fällen jemals wirklich getestet werden kann. Der Mittelstand aber, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, kann es sich in der Regel gar nicht leisten, jene Generatoren aufzustellen, die nötig wären, um die Stromversorgung im Notfall über längere Zeiträume zu sichern.

 

Gibt es eine andere Lösung? Die Position der Regierung hat sich seit 2004 nicht verändert. Aber die erneuerbaren Energien haben sich seitdem enorm weiterentwickelt: Sie sind günstiger geworden und vielfältiger. Aber sind sie auch so verlässlich und wirtschaftlich, dass Unternehmen ihre Energieversorgung vollkommen neu organisieren können? Und ihren Strom selbst erzeugen, vor Ort, dort, wo er gebraucht wird, und sie sich so unabhängig machen vom öffentlichen Stromnetz?

 

Das größte Hindernis bei der Stromversorgung mittels Wind- und Sonnenenergie ist für viele Kritiker die nicht durchgängig gesicherte Verfügbarkeit. Der Wind bläst nicht immer, die Sonne scheint nicht immer, und es ist schwer, die Energie zu speichern. Umweltfreundliche Brennstoffzellentechnik beispielsweise funktioniert wie Batterien, die nicht aufgeladen werden müssen und liefert kontinuierlich Strom, wie es die digitale Ökonomie erfordert. Der modulare Aufbau der Brennstoffzellentechnik schützt zudem vor einem totalem Ausfall. Einige Unternehmen experimentieren mit Hybrid-Systemen, bestehend aus Solar- und Windenergie in Verbindung mit Brennstoffzellen, die aus heutiger Sicht wahrscheinlich umweltverträglichste und zugleich verlässlichste Lösung. Beim Wechsel zur eigenen Grundversorgung mit Strom können Unternehmen das öffentliche Netz als Back-up nutzen und alte Notstromaggregate entsorgen.

 

Aus welcher Quelle auch immer sich die eigene Stromversorgung speist, sie erlaubt es Unternehmen und Verbrauchern, sich von der immer unkalkulierbareren öffentlichen Versorgung zu befreien und zudem die Emissionen zu senken. Der Mittelstand ist gut beraten, jetzt zu handeln, denn die Unsicherheiten werden mit der zunehmenden Digitalisierung der Wirtschaft weiter zunehmen. Die Bedrohung durch einen Black Swan-Blackout jedenfalls mag die Wahrscheinlichkeit einer anderen, revolutionären Entwicklung erhöhen, in Deutschland, Europa und dem Rest der Welt: die Entstehung einer unabhängigen, dezentralen Versorgung mit Primärenergie.

 Roland Brandt  ist Underwriting Manager Property Germany und Head of Underwriting Management for International Property bei XL Group in Deutschland.

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